📅 06.03.2026
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„Some of us are like that“: Wenn Leute sagen, sie mögen keine Kinder – und dann zu deren Security werden

Das Setting: Kind, Affe, Aggression – und ein leiser Satz

Das Meme trägt einen dieser beiläufigen Titel, die kaum nach Pointe klingen: „Some of us are like that“. Und doch steckt darin ein ganzes psychologisches Profil: Menschen, die laut sagen, sie wollen keine Kinder (oder überhaupt keinen zusätzlichen Menschen in ihrem Leben), aber in dem Moment, in dem ein Kind – oder von mir aus ein Affe – gefährdet wird, spontan zum erbarmungslosen Bodyguard mutieren. In den Reaktionen zeigt sich ein immer gleiches Muster: Man „mag“ Kinder angeblich nicht, fühlt sich aber sofort verantwortlich, wenn ein Kind in einem offensichtlich ungeeigneten Kontext auftaucht – Partys, laute Bars, sehr optimistisch eingeschätzte Baustellenbesuche. Wenn etwas schiefgeht, richtet sich der Blick nicht auf das Kind, sondern auf die Erwachsenen, die es dort hingebracht haben. Der Humor entsteht aus dem Widerspruch zwischen Selbstbeschreibung („Ich hasse Kinder“) und tatsächlichem Verhalten („Ich würde jeden zusammenschlagen, der dieses Kind anfasst“). Das Meme hält diesen Widerspruch fest und kommentiert ihn mit einem müden, lakonischen: „Some of us are like that.“

Psychologie: Kognitive Dissonanz mit Fürsorge-Funktion

Psychologisch ist das eine recht elegante Form von kognitiver Dissonanz. Man möchte sich selbst als unabhängig, kinderfrei, emotional ökonomisch sehen. Gleichzeitig ist da ein sehr alter Reflex: Kleine, verletzliche Wesen zu schützen – unabhängig davon, ob man offiziell „Kinderfreund“ ist. Viele erkennen: Sie hassen nicht Kinder, sie hassen die Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen. Die eigentliche Ablehnung richtet sich gegen Lärm, Chaos und strukturellen Aufwand, der ihnen ungefragt zugemutet wird. Kinder werden zum Symptom, Eltern sind die Ursache. Das Meme erlaubt, dieses Eingeständnis sozial verträglich zu formulieren: Man bleibt ironisch distanziert, während man zugegeben hat, dass man im Ernstfall dann doch rettend dazwischen gehen würde.

Die Meme-Struktur: Anti-Label, dann Gegenbeweis

Formal nutzt der Post eine typische Internet-Struktur: 1. **Selbstetikettierung**: „Ich bin jemand, der XY nicht mag.“ 2. **Kontextwechsel**: Situationen, in denen XY bedroht oder unfair behandelt wird. 3. **Plot-Twist**: Dieselbe Person reagiert übertrieben beschützend. 4. **Meta-Satz**: „Some of us are like that“ als resignierte Klammer um diese Widersprüchlichkeit. Es ist ein Antihelden-Meme: Man inszeniert sich als abgeklärten, leicht genervten Erwachsenen – und enttarnt sich doch als jemand, der emotional stark reagiert, wenn Unschuld auf Gewalt trifft. Dass hier neben Kindern auch ein Affe als Vergleichsfigur auftaucht, verschärft die Pointe: Es geht nicht um „Elterninstinkt“, sondern um eine breitere, fast albern robuste Schutzreaktion für alles, was offensichtlich unterlegen ist.

Warum dieser Humor gerade jetzt funktioniert

Dieses Motiv trifft auf eine Generation, die massiv mit Überforderung, Care-Arbeit und Lebensplanung ringt. Viele wollen keine eigenen Kinder – aus finanziellen, emotionalen oder klimabezogenen Gründen. Parallel dazu nimmt die öffentliche Sichtbarkeit von Fehlverhalten Erwachsener gegenüber Kindern zu: überfüllte Einkaufszentren, aggressive Situationen, digitale Öffentlichkeit. In dieser Gemengelage ist das Meme ein Ventil: Es erlaubt, kinderfrei zu sein und gleichzeitig moralisch integer. Man muss sich nicht mehr dafür rechtfertigen, kein eigenes Kind zu wollen, solange klar ist: Wenn ein Kind oder sonst ein schutzbedürftiges Wesen geschlagen oder gemobbt wird, ist man der erste Mensch, der dazwischen geht. Das Internet liebt diese Form von „heimlichem Anstand“. Moral, aber bitte ironisch verpackt.

Viralitätsmechanik: Geteilte Widersprüche, geteilte Timeline

Das Meme verbreitet sich, weil es eine hohe Wiedererkennungsquote besitzt: - **Relatability**: Viele haben sich schon einmal dabei ertappt, „Kinder nicht zu mögen“ – und dann bei einem weinenden Kind im Supermarkt plötzlich solidarisch mit dem Kind statt mit den genervten Erwachsenen zu sein. - **Konfliktarm**: Es erlaubt Zustimmung von beiden Seiten – Menschen mit Kindern und Menschen ohne. Alle können sich moralisch auf der richtigen Seite sehen. - **Schnelles Storytelling**: In einem Satz oder Bild wird eine ganze Lebenshaltung skizziert. Das macht das Meme zitatfähig, screenshot-tauglich und plattformübergreifend anschlussfähig. Hinzu kommt ein Zeitgeistfaktor: Der Wunsch, als „nicht herzlos“ wahrgenommen zu werden, ohne die eigene Autonomie aufzugeben. Das Meme löst dieses Dilemma, indem es Fürsorge als spontane Ausnahmehandlung darstellt, nicht als dauerhafte Lebensentscheidung.

Creator-Learnings: Wie man mit leiser Ironie Reichweite erzeugt

Für Creator sind aus diesem Trend ein paar klare Lektionen ableitbar: 1. **Widersprüche statt glatter Haltungen**: Inhalte, die ambivalente Gefühle abbilden, erzeugen mehr Kommentare als klare Statements. 2. **Leise Pointe, großer Effekt**: Der trockene Satz „Some of us are like that“ funktioniert besser als jede überdrehte Punchline. Das Publikum füllt die Lücke selbst. 3. **Moral, aber unaufdringlich**: Indem das Meme Schutzinstinkt zeigt, ohne moralisch zu predigen, bleibt es anschlussfähig. 4. **Konkrete Alltagsszenen**: Der imaginäre Supermarkt, die unsichere Straße, die unpassende Party – je konkreter der Kontext innerlich mitschwingt, desto stärker der Effekt. Am Ende ist „Some of us are like that“ eine nüchterne Bestandsaufnahme: Wir möchten gern cool, desinteressiert und grenzenklar wirken – und sind dann doch diejenigen, die zwischen Kind und Faust treten würden. Manche von uns sind eben genau so. Und offenbar ist das ziemlich teilbar.
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